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Enzootische Influenza, Subpopulationen und maternale Antikörper

Wie ist es möglich, dass ein Virus, das bei einem Tier eine akute Infektion verursacht, dauerhaft im Bestand verbleiben kann?

Influenza ist eine in Schweinebeständen häufig vorkommende Infektion. Ein Beweis dafür ist der hohe Prozentsatz an Betrieben, die für mehr als ein einziges Influenza-A-Virus seropositiv sind. Vom epidemiologischen Standpunkt aus liegen zwei Arten dieser Infektionskrankheit vor: die epizootische und die enzootische Form.

Die epizootische Form liegt in der Regel in Betrieben mit einem hohen Anteil an für das Virus empfänglichen Tieren vor und ist durch hohe Morbidität, eine sehr schnelle Verbreitung im Bestand und geringe Mortalität gekennzeichnet. Vom klinischen Standpunkt aus zeigen sich die Folgen der Infektion bei Tieren jeden Alters, sind aber besonders bei trächtigen Sauen gravierend, da es dann häufig zum Umrauschen oder infolge des Fiebers zu Aborten kommt.

Bei der enzootischen Form besteht innerhalb der Schweinepopulation ein gewisser Grad an Immunität und die Infektionsrate ist gering. Vom klinischen Standpunkt aus kann diese Form anscheinend subklinisch verlaufen, obwohl es häufig zu rezidivierenden Erkrankungen kommt, vor allem zu einem respiratorischen Krankheitsbild, das bei jeder Produktionscharge in der Aufzuchtphase wiederkehrt. Bei der enzootischen Influenza verbleiben dieselben Virusstämme auf Dauer im Bestand, sodass sie praktisch zu "Bewohnern" des jeweiligen Betriebes werden. Die Folgen dieser Form der Influenza können insbesondere bei den Absetzferkeln schwerwiegend sein, da es mit der Zeit auch zu Sekundärinfektionen kommt und die Mortalität erhöht ist.

Eine Frage, die sich bei der enzootischen Influenza immer wieder stellt, ist: Wie ist es möglich, dass ein Virus, das bei einem Tier eine akute Infektion verursacht, auf Dauer im Bestand verbleiben kann?

Einerseits sind Jungsauen eine Gruppe der Schweinepopulation, die für die Infektion empfänglich ist, sofern im Betrieb keine Maßnahmen zur Immunisierung der Tiere getroffen werden. Es hat sich auch gezeigt, dass die Würfe von Jungsauen bereits im Abferkelstall ein höheres Risiko, positiv zu sein, tragen als die Würfe von multiparen Sauen. Dies würde für einen suboptimalen Immunschutz der Jungsauen sprechen. Wenn man sich vor Augen hält, dass die Remontierungsrate in der derzeitigen Schweineproduktion beinahe bei 50 % liegt, lässt sich ermessen, welche wichtige Rolle diese zur Remontierung herangezogenen Jungsauen spielen.

Andererseits scheinen die im Kolostrum enthaltenen maternalen Antikörper einen gewissen Grad an Schutz zu bieten, doch wissen wir, dass Tiere auch bei Vorhandensein maternaler Antikörper infiziert werden können. Was wissen wir wirklich über die Rolle der maternalen Antikörper bei einer Infektion mit dem Influenzavirus? In einer in Spanien durchgeführten Longitudinalstudie hat sich gezeigt, dass das Produktionsstadium mit der höchsten Inzidenz der Infektion der Zeitraum um das Abferkeln ist. Dabei ergaben sich mehrere überraschende Aspekte: 1) Etwa die Hälfte der infizierten Tiere wiesen maternale Antikörper auf. 2) Bei nur einem kleinen Anteil von ihnen (<10 %) kam es 3-4 Wochen nach der Infektion zur Serokonversion. 3) Mindestens drei von 40 während der Laktation infizierten Tiere infizierten sich erneut im Alter von 7 Wochen. All dies ließe sich mit den Erkenntnissen aus anderen Studien vereinbaren, die zeigen, dass passive Immunität nicht vor Infektion schützt und dass jene Tiere, die bei vorhandenen maternalen Antikörpern infiziert werden, keine Immunität gegen den ursächlichen Virusstamm entwickeln, und zwar egal, ob es sich um einen homologen oder heterologen Virusstamm handelt. Dadurch ist es möglich, dass sich die Tiere später erneut infizieren. Was die Rolle der maternalen Antikörper bei der Verbreitung der Krankheit betrifft, so wurden dazu mehrere Studien sowohl in Nordamerika als auch in Europa durchgeführt. Wir wissen einerseits, dass die Basisrate (R0) bei Influenza dann deutlich reduziert ist, wenn ein homologer passiver Schutz vorliegt, sodass unter Umständen die Ausbreitung der Krankheit sogar gestoppt oder die Infektion mit der Zeit sogar aus dem Bestand eliminiert werden kann. Handelt es sich allerdings um eine heterologe Infektion, ist der Immunschutz deutlich geringer, ja bis zu vernachlässigbar..Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Zirkulation von mehr als einem Virusstamm in Schweinebetrieben keine Seltenheit ist und dass daher mit dem Szenario einer Infektion mit einem heterologen Virusstamm immer zu rechnen ist. Angesichts all dieser Aspekte geht man davon aus, dass, bei Vorhandensein maternaler Antikörper, die Ferkel ein Reservoir für die Influenza im Betrieb darstellen können.

Schließlich sei daran erinnert, dass die Produktion in den Betrieben normalerweise in Chargen erfolgt, sodass Tiere in regelmäßigen Abständen (alle ein, zwei oder drei Wochen) abgesetzt werden, und dass diese Ferkel bald alle ihre maternalen Antikörper verloren haben werden. Dann sind die Tiere für Infektionen empfänglich und haben keinerlei Immunschutz. Das ist der Moment, wo es erneut zur Infektion und zu rezidivierender Schweinegrippe kommt. Was den Zeitpunkt als solchen betrifft, so ist es nur logisch, dass das Virus in einem Bestand immer Tiere findet, die empfänglich sind. Dies trifft insbesondere auf Betriebe im geschlossenen System und auf die Ferkelerzeuger zu. Aus diesem Grund kann das Virus quasi zwischen den einzelnen Produktionschargen hin und her springen und somit die enzootische Influenza im Betrieb am Leben halten.

Zusammenfassend lässt sich sagen (siehe Abb.1), dass es die verschiedenen Subpopulationen des Influenzavirus sind, die für den dauerhaften Verbleib des Virus im Betrieb verantwortlich sind. Die maternalen Antikörper spielen eine Rolle, die zumindest als kontrovers angesehen werden kann. Auf der einen Seite können sie von Nutzen sein, wenn die Infektion homolog ist, obwohl ein suboptimaler Titer (Jungsauen) nicht ausreichen könnte, um die Infektion unter Kontrolle zu halten. Auf der anderen Seite könnten die maternalen Antikörper für den Fortbestand der Infektion im Abferkelstall eine Rolle spielen; wenn die Tiere diese Immunität verlieren, kommt es bei den Absetzferkeln zu einem rezidivierenden respiratorischen Krankheitsbild. Können wir die Immunisierungsprotokolle verbessern, um die Übertragung und die Auswirkungen dieser Infektion zu reduzieren? Können wir das Übertragungsrisiko mithilfe von Biosicherheitsmaßnahmen verringern? Das sind die Fragen, die zu klären sind, um all die genannten Aspekte im Detail besser zu verstehen, denn sie sind von zentraler Bedeutung für eine bessere Kontrolle dieser Virusinfektion.

Abb.&nbsp;1: Die Verbreitung ist geringer bei Tieren, die einen besseren Immunschutz erhalten (Ferkel von multiparen Sauen), als bei Ferkeln von primiparen Sauen.&nbsp;In der Aufzuchtphase entwickeln Ferkel, die bei Vorhandensein einer gewissen Konzentration an&nbsp;maternalen Antik&ouml;rpern infiziert wurden, keine aktive Immunit&auml;t, sodass das Virus in der Lage ist, eine erneute Infektion und somit eine rezidivierende Influenza zu verursachen.&nbsp;Schlie&szlig;lich erleichtert auch die gleichzeitige Pr&auml;senz von verschiedenen Chargen von Tieren unterschiedlichen Alters die Verbreitung des Virus zwischen verschiedenen Produktionschargen, sodass es zur Perpetuierung der Infektion kommt.

Abb. 1: Die Verbreitung ist geringer bei Tieren, die einen besseren Immunschutz erhalten (Ferkel von multiparen Sauen), als bei Ferkeln von primiparen Sauen. In der Aufzuchtphase entwickeln Ferkel, die bei Vorhandensein einer gewissen Konzentration an maternalen Antikörpern infiziert wurden, keine aktive Immunität, sodass das Virus in der Lage ist, eine erneute Infektion und somit eine rezidivierende Influenza zu verursachen. Schließlich erleichtert auch die gleichzeitige Präsenz von verschiedenen Chargen von Tieren unterschiedlichen Alters die Verbreitung des Virus zwischen verschiedenen Produktionschargen, sodass es zur Perpetuierung der Infektion kommt.

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