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Mykotoxinvergiftung in einem Sauenbestand

Bei den Sauen wurden Fruchtbarkeitsstörungen mit schwankenden Reproduktionsleistungen beobachtet. Außerdem fielen in der Aufzucht Ferkel mit Ohrspitzen- und Schwanznekrosen und in der Mast Schweine mit Durchfall und Mastdarmvorfall auf.

Montag 4 August 2014 (vor 4 Jahre 3 Monate 9 Tage)
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Bestandsdaten

Das Problem trat bei einem landwirtschaftlichen Unternehmen mit insgesamt fast 15.000 Sauen auf. Die einzelnen Sauenbestände und die Ferkelaufzuchten des Unternehmens sind auf den Süden Europas verteilt lokalisiert. Im Durchschnitt werden etwa 1.500-2.000 Sauen pro Standort gehalten. Die Mast ist ebenfalls integriert und findet in Beständen mit 800-3.000 Mastplätzen an unterschiedlichen Standorten statt. Der Gesundheitsstatus kann als normal bezeichnet werden: positiv in Hinblick auf die Hauptinfektionen beim Schwein (PRRSV, PCV2, App, Streptokokken-Infektionen). Die Sauen werden gegen E. coli, Rotlauf, Parvovirus und PRRSV geimpft. Im Flatdeck erhalten die Ferkel eine Impfung gegen PCV2. Es werden keine Routinebehandlungen bei den Schweinen durchgeführt. Das Futter für die Sauen und die Mastschweine wurde in zwei verschiedenen Futtermühlen produziert.

Vorbericht und klinische Symptome

2012 wurden wir über Fruchtbarkeitsstörungen bei den Sauen informiert. Die Aufzeichnungen des bestandsbetreuenden Tierarztes dokumentierten nicht akzeptable Schwankungen bei den Reproduktionsleistungen, welche sogar für PRRSV-positive Sauenbestände ungewöhnlich waren. Für die klinischen Symptome konnten aber keine bestimmten Fehler beim Management, bei der Fütterung oder infektiöse Ursachen verantwortlich gemacht werden.

Bei den Ferkeln im Flatdeck und bei den Mastschweinen wurden Nekrosen an den Ohren und am Schwanz beobachtet. Zusätzlich traten wiederholt Durchfälle bei Tieren mit ungewöhnlich hohem Gewicht und Alter, Mastdarmvorfälle, sowie Verluste verbunden mit hohen Medikamentenkosten auf.

Ferkel mit Ohrspitzennekrosen und Nekrosen auf der Haut im Bereich der Flanke (typische Lokalisation für Staphylokokken-Infektionen) im Stadium der Abheilung.

Foto 1: Ferkel mit Ohrspitzennekrosen und Nekrosen auf der Haut im Bereich der Flanke (typische Lokalisation für Staphylokokken-Infektionen) im Stadium der Abheilung.

 Ferkel mit hochgradigen Ohrspitzennekrosen nach Sekundärinfektion.

Foto 2: Ferkel mit hochgradigen Ohrspitzennekrosen nach Sekundärinfektion.

Um sich eine genaueres Bild von der Lage zu machen, wurden einige sehr weit auseinander entfernt liegende Sauenbestände untersucht. Die allgemeinen Bedingungen an den Standorten hinsichtlich Organisation und Betriebshygiene gaben keinen Grund zur Beanstandung. Die klinischen Symptome, die während der Bestandsuntersuchungen beobachtet wurden, variierten zum Teil erheblich und waren unterschiedlich verteilt:

Schwankende Abferkelraten (Abb. 1 zeigt exemplarisch den Verlauf eines Bestandes); vermehrt auftretende Aborte in einigen Monaten, manchmal auch über einen längeren Zeitraum; Appetitlosigkeit der Sauen in den Abferkelabteilen und somit Rückgang der Futteraufnahme, die zu Dysgalaktie während der ersten Woche nach dem Abferkeln führen könnte; Ferkel mit geröteten Zitzen und Vulva zum Zeitpunkt der Geburt; Ohrspitzennekrosen zum Zeitpunkt des Absetzens; Hautläsionen an unterschiedlichen Lokalisationen; wiederkehrende Durchfälle und Konjunktivitiden. Zusätzlich zeigten die Schweine ein ungleichmäßiges Wachstum.

Abbildung 1: Abferkelrate eines Sauenbestandes über einen Zeitraum von 9 Monaten vor der Bestandsuntersuchung.

Sep Okt Nov Dez Jan Feb Mrz Apr Mai
92,7 85,3 87,6 87,4 89,5 90 96,5 86,3 89,1

Die durchschnittlichen Reproduktionsleistungen waren scheinbar gut: Abferkelrate: 89,3%; Totgeburten: 8,28%; 28,1 abgesetzte Ferkel/Sau/Jahr (Zeitraum 9 Monate).

Verdachtsdiagnose

Die beobachteten Symptome traten immer wieder periodisch auf. Der Grund dafür war allerdings schwierig ausfindig zu machen. Wir hatten nicht den Eindruck, dass ein infektiöses Geschehen für das klinische Bild (Leistungsrückgang bei den Sauen, Durchfall bei den Saugferkeln und bei den Läuferschweinen verbunden mit Mastdarmvorfällen und verminderten täglichen Zunahmen) verantwortlich war. In einigen Fällen beobachteten wir einen Zusammenhang zwischen den klinischen Symptomen und den verwendeten Futterkomponenten bzw. Futtermitteln, weshalb vermutet wurde, dass sich irgendwelche giftigen Substanzen in den Ausgangskomponenten befinden könnten.

So wurde auch die Hypothese einer Mykotoxinvergiftung aufgestellt. Mykotoxine können immunsuppressiv wirken und zu unterschiedlichen Symptomen führen. Einige Mykotoxine, wie z.B. Trichothecene, führen zu Schäden im Darmtrakt, indem sie die intrazellulären Verbindungen des Darmepithels (in Synergie mit enterotoxischen E. coli Toxinen) lockern, die SGLT1 Transporter zur Absorption von Glukose und Natrium hemmen und die Schleimproduktion reduzieren (Grenier, 2013). Ein anderes Mykotoxin, Zearalenon, kann zu Veränderungen am Afterschließmuskel führen, wodurch Mastdarmvorfälle resultieren können.

Ferkelgruppe mit Ohrspitzennekrosen.

Foto 3: Ferkelgruppe mit Ohrspitzennekrosen.

Differentialdiagnosen

Die beobachteten klinischen Symptome geben keinen eindeutigen Hinweis auf das Vorliegen eines bestimmten Syndroms. Die Konjunktivitis könnte zwar aus einer chronischen Vergiftung mit Trichothecenen resultieren, allerdings findet man Konjunktivitiden auch bei einigen Fällen von PRRS oder in Ställen mit schlechter Lüftung. Die Fruchtbarkeitsstörungen und die Hautrötungen könnten durch eine Vergiftung mit Zearalenon entstanden sein. Die Dysgalaktie könnte in Verbindung mit einer Vergiftung mit Aflatoxinen, Trichothecenen oder Endotoxinen (Lipopolysaccharide) oder einer leichten anderen Erkrankung stehen. Die Mastdarmvorfälle könnten durch Zearalenon bedingt sein, wobei auch andere Ursachen wie Verstopfungen, Überbelegung, Futterwechsel oder Wasserentzug zu diesem unspezifischen Symptom führen können. Ebenso können viele bereits genannte Gründe zu einem Rückgang der Futteraufnahme geführt haben.

Um den PRRS Status zu überprüfen, wurden Blutproben von den Tieren, die klinische Symptome zeigten, gezogen. Alle Proben waren dabei negativ.

Bei der mikrobiologischen Untersuchung der Schweine mit Durchfall wurde E. coli nachgewiesen, der empfindlich auf die meisten Antibiotika reagierte (Gentamicin, Chlortetracyclin, Trimethoprim+Sulfonamide, Doxycyclin, Colistin, Aminosidin, Apramycin, Enrofloxacin, Marbofloxacin, etc.). Danach wurde ein Schlachthofcheck durchgeführt und der Gastrointestinaltrakt und die Leber der Mastschweine untersucht. Dabei wurden keine Hinweise auf eine Parasitose, Enteritis oder andere akute oder chronische Läsionen beobachtet, die ein bestimmtes Darmproblem erklären könnten.

Die Futteranalyse lieferte zwar keine Bestätigung für das Vorliegen von Mykotoxinen, allerdings ist bekannt, dass ein negatives Ergebnis in Futterproben keine Toxinfreiheit garantiert. Die beobachteten Symptome deuteten auf einen immunsuppressiven Status, Appetitstörungen und Hyperöstrogenismus bei den Schweinen hin, was uns nach Ausschluss anderer Krankheiten zur Annahme einer möglichen Mykotoxinvergiftung führte. Deshalb wurde eine weiterführende, therapeutische Diagnostik durchgeführt.

Typische Rötung der Vulva durch Zearalenon während der Laktation und Anzeichen von Durchfall durch coliforme Keime.

Foto 4: Typische Rötung der Vulva durch Zearalenon während der Laktation und Anzeichen von Durchfall durch coliforme Keime.

Therapeutische Diagnostik

Wir entschieden uns dazu, einen 1000er Sauenbestand mit einem Produkt gegen Mykotoxine für ein Jahr lang zu behandeln. Wir hofften, dass das Produkt die Aufnahmefähigkeit für Mykotoxine im Darm reduziert und somit wirksam gegen Aflatoxin, Ergotamin, Ochratoxin und Fumonisin ist. Außerdem wirkt es enzym-basiert auch gegen Mykotoxine, die nicht (oder nur in geringen Mengen) absorbiert werden, wie z.B. Zearalenon und Trichothecene (Desoxynivalenol, T-2, HT-2, Diacetoxyscirpenol, etc.). Zusätzlich sollte dieses Mittel auch als Endotoxin-Absorber arbeiten, so wie in früheren Untersuchungen beschrieben.

Da zeitgleich keine Versuchs- und Kontrollgruppen gebildet werden konnten, entschieden wir uns dazu, die Produktionsleistung des Jahres während der Behandlung mit den Daten des vorherigen Jahres zu vergleichen.

Ergebnisse

Beim Vergleich am Ende des Jahres fiel vor allem der signifikante Anstieg der durchschnittlichen Futteraufnahme während der Laktation mit einem Plus von 1,4kg/Sau/Tag auf. Dieser Anstieg ist durch die Detoxifikation erklärbar: Mykotoxine führen nämlich zu einem Abfall der Futteraufnahme und das Zielorgan der Mykotoxine ist die Leber.

Beim Fall einer Vergiftung mit Trichothecenen konnte ein neurologischer Reflexmechanismus gezeigt werden, der zur Futterverweigerung führt: Das Appetitzentrum im Hypothalamus wird direkt gehemmt und das Brechzentrum stimuliert (Bonnet et al., 2012).

Nach Aussagen des bestandsbetreuenden Tierarztes wurden weniger Fälle mit Durchfall beobachtet. Zudem sank der Verbrauch an Medikamenten im Futter. Die Laktationen verliefen regelmäßiger und es traten fast keine Fälle von Dysgalaktie mehr auf. In der Aufzucht nahm die Inzidenz an Nekrosen an Ohren, Schwanz und Haut deutlich ab. Bei den Sauen, die während des Jahres nicht behandelt wurden, traten die beschriebenen Symptome von Zeit zu Zeit auf.

In der Mast führte die Behandlung nahezu zu einem Verschwinden von Durchfällen und Mastdarmvorfällen.

Die folgende Tabelle veranschaulicht die Leistungssteigerung auf dem behandelten Sauenbestand:

Absetz-Rausche-Intervall (d) Totgeburten (%) leb. geb. Ferkel (pro Sau) abg. Ferkel/Sau/Jahr
- 1,4 - 1,7% + 0,4 + 1,2

Die positiven Ergebnisse haben den Betriebsleiter überzeugt, auch in Zukunft an einer dauerhaften Strategie gegen Mykotoxine zu arbeiten. So sollen die Qualität der Futterrohstoffe stärker kontrolliert, die besten Ausgangskomponenten für die jüngeren Tiere und die Zuchttiere benutzt und weiterhin ein Futtermittelzusatzstoff gegen die häufig in der Region auftretenden Mykotoxine eingesetzt werden.

Diese Maßnahmen können nicht alleine umgesetzt werden, deshalb ist eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Tierarzt, dem Futtermittelberater, bzw. -hersteller und dem Betriebsleiter von großer Bedeutung. Nur mit einem gut funktionierenden Informationsaustausch zwischen den einzelnen Verantwortungsbereichen und offener Kommunikation und Mitarbeit der beteiligten Personen können die richtigen Entscheidungen getroffen und einige Managementkosten gerechtfertigt werden (siehe Fütterung), die der Produzent ansonsten wohl nicht im Wettbewerb akzeptieren würde.

Klinische Fälle

Futtermittelvergiftung durch Alkaloide bei Mastschweinen22-Dez-2014 vor 3 Jahre 10 Monate 22 Tage
Akute Magengeschwüre bei 30-40 kg schweren Schweinen10-Feb-2014 vor 4 Jahre 9 Monate 3 Tage

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