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Ödemkrankheit bei Absetzferkeln - ein Fallbericht

Neben Lidödemen konnten bei der Sektion von erkrankten Schweinen auch Ödeme im Dickdarmgekröse und in der Magenwand beobachtet werden.

Montag 13 April 2015 (vor 4 Jahre 2 Monate 5 Tage)
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Der Betrieb betreibt in vertikaler Integration mehrere Ferkelerzeuger-, Aufzucht- und Mastbestände in Zentraleuropa. An den Zuchtschweinen und Ferkeln wird ein komplettes Impfprogramm durchgeführt. Einige Bestände waren positiv gegenüber europäischen Stämmen von PRRSV, während andere negativ blieben. Die abgesetzten Ferkel werden mit 3 bis 4 Wochen in Gruppen von etwa 800 Tieren zu unterschiedlichen Ferkelaufzuchtstandorten transportiert.

Von einem großen Futtermittelhersteller wird für die Produktionsbereiche Aufzucht und Mast das Futter bezogen, welches für die verschiedenen Phasen konzipiert wurde - Starter, Ferkelaufzucht, Vor-, Mittel-, und Endmast. Das Management dieses Unternehmens hat entschieden, die Dosis von Antibiotika und Zinkoxid im Starterfutter zu reduzieren. So betrug der Gehalt an Zinkoxid anstatt der vorherigen 2.500 ppm nur noch 150 ppm.

Kurz nach dieser Umstellung beobachteten die Betriebsleiter der Aufzuchtbestände vermehrt zentralnervöse Symptome bei den abgesetzten Ferkeln. Außerdem stieg die Verlustrate während der Aufzucht von 3-4% auf 5-6% an. Dieses Problem trat in verschiedenen Gruppen über mehrere Monate auf.

Bei der klinischen Untersuchung zeigten die Absetzferkel verschiedene zentralnervöse Störungen und Depression. Die Symptome begannen etwa 7 bis 14 Tage nach dem Absetzen von der Sau und traten vermehrt bei den schwersten und am besten entwickelten Tieren auf. Pro Gruppe dauerte die Erkrankung meist 2 Wochen und war etwa in der 7. Lebenswoche vorbei.

Die zentralnervösen Symptome äußerten sich in unkoordinierten Ataxien (Ruderbewegungen), Paresen (vermehrtes Liegen) und Krämpfen. Daneben konnten bei mehreren erkrankten Schweinen Schwellungen (Ödeme) an den Augenlidern beobachtet werden (siehe Abb. 1).

Fünf Wochen altes Absetzferkel mit Lidödem in Seitenlage.

Abb. 1. Fünf Wochen altes Absetzferkel mit Lidödem in Seitenlage.

Betroffene Schweine fielen zudem gelegentlich durch eine veränderte Lautäußerung auf. Sie zeigten anstatt der normal-quiekenden Stimme ein eher heiser klingendes Quieken, was vor allem beim Greifen und Anheben der erkrankten Tiere beobachtet werden konnte.

Die am stärksten betroffenen Tiere verendeten nach einer 1 bis 3-tägigen Krankheitsdauer. Neben den Lidödemen konnten bei der Sektion dieser Tiere auch Ödeme im Dickdarmgekröse (siehe Abb. 2) und in der Magenwand beobachtet werden. Der Herzbeutel einiger Tiere war zudem vermehrt gefüllt. Kopf und Darm mehrerer Schweine wurden für weitere pathologische und mikrobiologische Untersuchungen an ein Labor geschickt.

 

Sektion an einem erkrankten Schwein mit Ödem im Mesocolon.

Abb. 2. Sektion an einem erkrankten Schwein mit Ödem im Mesocolon.

Als Therapie wurde in den Startermischungen für die Absetzferkel wieder Colistin und Apramycin eingesetzt. Außerdem wurde der Gehalt an Zinkoxid für diese Altersgruppe wieder auf 2.000 bis 3.000 ppm erhöht.

 

Hauptmerkmale

  • Sieben bis 14 Tage nach dem Absetzen – bestimmte Altersgruppe betroffen.
  • Breites Spektrum an zentralnervösen Symptomen, einschließlich veränderter Lautäußerung.
  • Ödeme an Augenlidern, Magenwand und Dickdarmgekröse.

 

Kommentar zum Fallbericht

Die Ödemkrankheit wird durch enterotoxische Escherichia coli (ETEC) Bakterien verursacht, die ein bestimmtes Verotoxin (Shigatoxin) freisetzen. Diese Bakterien sind in Aufzuchtbeständen weit verbreitet, sodass eine orale Infektion der Ferkel häufig kurz nach dem Absetzen stattfindet. Die Bakterien heften sich an das Epithel der Dünndarmschleimhaut und setzen das Shigatoxin frei, wodurch Schäden an Blutgefäßen im Gehirn und anderen Lokalisationen verursacht werden. Die eingesetzten E. coli-Impfstoffe bei Sauen führen zu einer verstärkten maternalen Immunität gegenüber ETEC-Infektionen bei den Saugferkeln, allerdings schützen sie nicht gegen die ETEC-Infektionen bei Absetzferkeln, da die Milchaufnahme beendet und maternalen Antikörper abgebaut wurden. 

Kulturelle Untersuchungen an Darmproben weisen oftmals hämolysierende ETEC in Reinkultur auf Blutagar nach. Der für die Ödemkrankheit ursächliche E. coli Typ besitzt meist F18-Fimbrien und trägt das Gen für das Shigatoxin Stx2e. Diese Virulenzfaktoren können durch ein Untersuchungslabor mithilfe von PCR-Untersuchungen und Agglutination nachgewiesen werden.   

Histopathologisch können degenerative Vaskulitiden und peri-vaskuläre Blutungen besonders im Hirnstamm beobachtet werden. Dagegen lassen sich häufig keine entzündlichen Veränderungen finden, wie sie z.B. im Falle einer Streptokokken-Meningitis oder bei Wassermangel auftreten.

Bei der Behandlung von erkrankten Ferkeln ist das Antibiotikum Colistin häufig das Mittel der Wahl, da nur geringe Resistenzen gegenüber E. coli und Salmonella bestehen. Colistin kann über das Futter oder über das Trinkwasser verabreicht werden. Außerdem sollte der Gehalt an Zinkoxid im Starterfutter pharmazeutisch-wirksame Werte erreichen. Das Vorkommen klinischer ETEC-Infektionen bei Absetzferkeln konnte mit dem Einsatz von Zinkoxid im Starterfutter in therapeutischen Dosen (1.500 bis 3.000 ppm) seit der Einführung in den 80er Jahren bedeutend gesenkt werden. Zinkoxid hat einen antimikrobiellen Effekt, indem es die Bakterienmembran verändert und so zum Austritt von Zellinhalt führt. Über die Begrenzung des Einsatzes von Antibiotika und Zinkoxid zur Kontrolle von Krankheiten beim Tier wird seit langem kontrovers diskutiert. Daher bestehen zahlreiche Versuche, eine sichere, wirksame und kosteneffektive Alternative zu den bestehenden Maßnahmen zu finden.

E. coli-Bakterien kommen physiologisch in der Darmflora des Schweines vor und auch ETEC-Stämme lassen sich häufig in den meisten Beständen u.a. in den Buchten, Gängen und in der Gülle finden. Das endemische Vorkommen erklärt die häufigen Krankheitsausbrüche, wenn keine geeigneten Kontrollmaßnahmen durchgeführt werden. Studien in Europa konnten zeigen, dass in etwa 20 bis 35% der Bestände F18-Stämme von E. coli vorkommen. So führte die Reduktion von Zinkoxid unterhalb einer therapeutisch-wirksamen Dosis im vorliegenden Fall schnell zu einem klinischen Ausbruch einer E. coli-Infektion. Nicht gereinigte Aufzuchtabteile stellen ein ideales Erregerreservoir dar. Daher sollte auf eine Reinigung mit anschließender Desinfektion und auf regelmäßige Beseitigung der Gülle geachtet werden.

Ein kürzlich zugelassener Toxoidimpfstoff stellt eine weitere Prophylaxe-Maßnahme gegen die durch bestimmte E. coli-Stämme verursachte Ödemkrankheit dar. Dieser Impfstoff basiert auf einem rekombinanten Stx2e-Toxin und kann 4 Tage alten Saugferkeln verabreicht werden. Er schützt zwar nicht vor einer Kolonisation der E. coli-Bakterien, allerdings neutralisieren die induzierten Antikörper das Shigatoxin Stx2e und heben so die pathogenen Effekte dieses Toxin bei der Entstehung der Ödemkrankheit auf.

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